Sex & Beziehung · 6 Min. Lesezeit

Pornos und Erwartungen an Sex: Wie Bilder im Kopf das echte Bett beeinflussen

Pornos zeigen inszenierten Sex. Was Studien über sexuelle Skripte, Körperbild und Leistungsdruck sagen, und wie du eigene Erwartungen wieder sortierst.

Kurz gesagt
  • Pornos können als „Drehbuch“ wirken, an dem sich Erwartungen an Sex ausrichten. Forschende sprechen von sexuellen Skripten.
  • Häufiger Konsum hing in Studien mit mehr Sorgen um Leistung und Körperbild zusammen. Ursache und Wirkung sind dabei offen.
  • Nicht jeder erlebt das so. Hilfreich ist, die eigenen Erwartungen bewusst mit der Realität abzugleichen.

Pornos sind keine Dokumentation. Sie sind gedreht, geschnitten, ausgeleuchtet, und die Menschen darin werden oft für ein bestimmtes Aussehen und Durchhaltevermögen ausgewählt. Das wissen die meisten. Trotzdem fragen sich viele: Hat das, was ich jahrelang gesehen habe, meine Vorstellung davon verändert, wie Sex sein sollte?

Was sexuelle Skripte sind

In der Sexualforschung gibt es den Begriff der sexuellen Skripte. Gemeint ist eine Art inneres Drehbuch: Wer macht was, in welcher Reihenfolge, wie soll es sich anfühlen, wann ist es „gut“. Solche Skripte lernen wir aus vielen Quellen, aus Gesprächen, Filmen, Erfahrungen und eben auch aus Pornos.

Sun und Kollegen (2016) haben genau das untersucht. Sie befragten 487 Studenten in den USA. Wer mehr Pornos schaute, nutzte Pornos häufiger auch während des Sex mit einer Partnerin, um erregt zu bleiben, hatte mehr Sorgen um die eigene sexuelle Leistung und das eigene Körperbild und genoss intime Momente mit einer Partnerin weniger. Die Autorinnen und Autoren deuten das so, dass Pornos ein starkes Vorbild liefern, an dem sich Erwartungen und Verhalten im Bett orientieren.

Wichtig für die Einordnung: Es ist eine Befragung zu einem Zeitpunkt. Sie zeigt Zusammenhänge, keinen Beweis, dass Pornos diese Sorgen verursacht haben.

Körperbild: Vergleichen mit Ausnahmen

Wer oft Pornos schaut, sieht oft Körper, die nicht dem Durchschnitt entsprechen. Tylka (2015) hat bei 359 Studenten untersucht, wie Pornokonsum mit dem eigenen Körperbild zusammenhängt. Häufigerer Konsum ging mit mehr Unzufriedenheit mit Muskulatur und Körperfett einher, teils darüber, dass die Männer ein muskulöses Ideal stärker verinnerlicht hatten. Außerdem schätzten sie ihren Körper insgesamt weniger.

Auch hier gilt: Zusammenhang, nicht Beweis. Aber die Richtung passt zu dem, was viele beschreiben. Wer ständig Ausnahmen sieht, hält sie irgendwann für den Maßstab.

Leistungsdruck im Bett

Aus Erwartungen wird schnell Druck: Wie lange muss es dauern? Wie muss ich aussehen? Wie soll sie oder er reagieren? Dieser Druck ist einer der stärksten Lustkiller, die es gibt. Wer im Kopf ständig bewertet, ist nicht mehr im Moment. Das kann sich auch körperlich zeigen. Mehr dazu in unserem Artikel zu Erektionsproblemen durch Pornos.

Frauen und Männer kennen diesen Druck gleichermaßen, nur in anderen Formen. Bei vielen Frauen geht es eher um das eigene Aussehen oder darum, wie sie „sein sollten“.

Nicht jeder erlebt das so

Um fair zu bleiben: Viele Menschen schauen Pornos, ohne dass ihr Sexleben darunter leidet. In einer Studie von Kohut und Kollegen (2017) mit 430 Menschen in Beziehungen nannten die meisten keine negativen Auswirkungen auf ihre Partnerschaft. Unrealistische Erwartungen wurden als möglicher Nachteil genannt, aber seltener. Ob Pornos deine Erwartungen prägen, hängt also stark davon ab, wie, wie oft und wofür du sie nutzt.

Erwartungen wieder sortieren

  • Bewusst unterscheiden: Erinnere dich daran, dass Pornos eine Inszenierung sind. Das ist kein Fehler im Film, es ist das Genre.
  • Fragen statt annehmen: Was gefällt deiner Partnerin oder deinem Partner wirklich? Das findest du nur im Gespräch heraus, nicht auf dem Bildschirm.
  • Den eigenen Körper fair sehen: Vergleiche dich mit echten Menschen, nicht mit Darstellern, die nach bestimmten Merkmalen ausgewählt wurden.
  • Leistung rausnehmen: Guter Sex hat keine Stoppuhr. Nähe, Humor und Neugier zählen mehr als jedes Drehbuch.
  • Eine Pause testen: Manche merken erst nach einigen Wochen ohne Pornos, wie stark ihre Vorstellungen geprägt waren. Probier es aus und beobachte ehrlich.

Wenn das Thema in eurer Beziehung schwer zu besprechen ist, findest du Anregungen in unserem Artikel Über Pornos reden.

Woran du merkst, dass dein Drehbuch mitspielt

Ob Pornos deine Erwartungen prägen, kann dir keine Studie beantworten. Ein paar ehrliche Fragen helfen aber beim Einordnen:

  • Vergleichst du deinen Körper oder den deiner Partnerin oder deines Partners oft mit dem, was du in Pornos siehst?
  • Bist du beim Sex mehr damit beschäftigt, wie es wirkt, als damit, wie es sich anfühlt?
  • Fühlt sich echter Sex für dich „zu langsam“, „zu normal“ oder enttäuschend an?
  • Denkst du beim Sex an Szenen, um erregt zu bleiben?
  • Traust du dich nicht zu sagen, was du eigentlich magst, weil es nicht zum „Drehbuch“ passt?

Wenn du mehrere Fragen mit Ja beantwortest, bist du nicht kaputt. Es zeigt nur, wo es sich lohnt, genauer hinzuschauen.

Ein Gespräch, das entlastet

Viele Paare reden über alles, nur nicht darüber, was sie sich im Bett wirklich wünschen. Dabei kann ein ehrliches Gespräch genau den Druck nehmen, den ein inneres Drehbuch erzeugt. Ein Einstieg kann so einfach sein wie: „Ich habe gemerkt, dass ich manchmal Erwartungen im Kopf habe, die gar nicht von uns kommen. Können wir darüber reden, was dir eigentlich gefällt?“

Was das für dich heißt

Du darfst dein inneres Drehbuch neu schreiben. Echter Sex ist unperfekt, manchmal ungeschickt, und genau darin liegt seine Nähe. Wenn du merkst, dass dir eine Pause hilft, deine Erwartungen zu sortieren, kann Dopawise dich dabei begleiten, zum Beispiel mit einem Ziel wie „Lust auf echte Nähe“.

Häufige Fragen

Verändern Pornos meine Erwartungen an Sex?

Das kann passieren. Studien zeigen Zusammenhänge zwischen häufigem Konsum, Leistungsdruck und Körperbild, aber keinen Beweis für eine Ursache. Viele Menschen schauen Pornos auch ohne solche Folgen.

Was sind sexuelle Skripte?

Sexuelle Skripte sind innere Drehbücher dafür, wie Sex ablaufen soll. Wir lernen sie aus vielen Quellen, auch aus Pornos, und sie prägen, was wir erwarten und wie wir uns verhalten.

Wie werde ich den Leistungsdruck los?

Hilfreich ist, Pornos bewusst als Inszenierung zu sehen, mit dem Partner offen über Wünsche zu sprechen und Sex nicht als Prüfung zu betrachten. Wenn der Druck stark belastet, kann eine Sexualberatung helfen.

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Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Wenn du stark leidest oder Gedanken hast, dir etwas anzutun, wende dich an die Telefonseelsorge (0800 111 0 111, kostenlos, rund um die Uhr) oder an eine Ärztin oder einen Arzt.

Quellen

  1. Sun, C., Bridges, A., Johnson, J. A., & Ezzell, M. B. (2016). Pornography and the Male Sexual Script: An Analysis of Consumption and Sexual Relations. Archives of Sexual Behavior, 45(4), 983–994. doi.org/10.1007/s10508-014-0391-2
  2. Tylka, T. L. (2015). No harm in looking, right? Men’s pornography consumption, body image, and well-being. Psychology of Men & Masculinity, 16(1), 97–107. doi.org/10.1037/a0035774
  3. Kohut, T., Fisher, W. A., & Campbell, L. (2017). Perceived Effects of Pornography on the Couple Relationship: Initial Findings of Open-Ended, Participant-Informed, „Bottom-Up“ Research. Archives of Sexual Behavior, 46(2), 585–602. doi.org/10.1007/s10508-016-0783-6