Mindset & Disziplin · 6 Min. Lesezeit

Gewohnheiten ändern: Wie lange es wirklich dauert, und warum 21 Tage ein Mythos sind

21 Tage? 66 Tage? Was die bekannte Studie von Lally und Kollegen wirklich gefunden hat, und wie du eine alte Gewohnheit ersetzt statt nur zu bekämpfen.

Kurz gesagt
  • In der bekannten Studie von Lally u. a. (2010) dauerte es im Mittel 66 Tage, bis ein neues Verhalten automatisch lief, je nach Person zwischen 18 und geschätzt 254 Tagen.
  • Ein einzelner verpasster Tag hat den Aufbau der Gewohnheit in der Studie kaum gestört.
  • Eine alte Gewohnheit verschwindet selten einfach. Leichter ist es, im gleichen Moment etwas anderes zu tun.

„Nach 21 Tagen ist eine neue Gewohnheit drin.“ Diesen Satz hast du wahrscheinlich schon oft gehört. Er klingt motivierend, weil 21 Tage überschaubar sind. Nur gibt es für diese Zahl keine solide Studie. Wer sich darauf verlässt, ist nach drei Wochen oft enttäuscht, weil sich noch nichts automatisch anfühlt. Was die Forschung tatsächlich zeigt, ist ehrlicher und am Ende entlastender.

Die Studie hinter den 66 Tagen

Phillippa Lally und ihr Team am University College London haben 2010 im European Journal of Social Psychology eine der bekanntesten Studien zu diesem Thema veröffentlicht. 96 Freiwillige wählten ein neues Verhalten rund um Essen, Trinken oder Bewegung, das sie zwölf Wochen lang täglich in derselben Situation ausführten, etwa „nach dem Frühstück ein Glas Wasser trinken“ oder „vor dem Abendessen 15 Minuten laufen“. Jeden Tag gaben sie an, wie automatisch sich das Verhalten anfühlte.

Das Ergebnis: Bis ein Verhalten nahezu seinen höchsten Grad an Automatik erreichte, vergingen im Mittel 66 Tage. Viel wichtiger ist aber die Spannweite: Bei manchen ging es nach 18 Tagen, bei anderen hätte es nach den Berechnungen der Forschenden bis zu 254 Tage gedauert. Dieser obere Wert ist eine Hochrechnung, denn die Studie lief nur zwölf Wochen. Bewegung brauchte in der Studie etwa anderthalbmal so lange, bis sie automatisch lief, wie neue Ess- oder Trinkgewohnheiten.

Wichtig für die Einordnung: Die Stichprobe war klein, und nicht bei allen Teilnehmenden ließ sich der Verlauf gut berechnen. Die 66 Tage sind also kein Naturgesetz, sondern ein grober Richtwert aus einer einzigen Studie.

Ein verpasster Tag ist kein Neustart

Ein Ergebnis wird oft übersehen, obwohl es für dich vielleicht das wichtigste ist: Wer das Verhalten an einem einzelnen Tag ausließ, hat den Aufbau der Gewohnheit dadurch kaum zurückgeworfen. Gewohnheiten entstehen nicht in einer perfekten Kette, sondern durch viele Wiederholungen im Lauf der Zeit.

Übertragen auf das Aufhören mit Pornos heißt das: Ein Ausrutscher löscht nicht alles, was du aufgebaut hast. Das deckt sich mit der Rückfallforschung von Marlatt und Gordon (1985). Gefährlich ist weniger der einzelne Ausrutscher als der Gedanke, jetzt sei ohnehin alles verloren. Mehr dazu im Artikel über den Rückfall.

Warum alte Gewohnheiten so hartnäckig sind

Wendy Wood und David Neal (2007) beschreiben Gewohnheiten als feste Verbindungen zwischen einer Situation und einer Handlung. Ist die Gewohnheit einmal da, löst schon der Kontext das Verhalten aus: der Ort, die Uhrzeit, die Stimmung, das Handy in der Hand. Ein bewusstes Ziel muss gar nicht mehr dazwischen stehen. Außerdem verändern sich solche Verbindungen nur langsam. Ein guter Vorsatz oder ein paar Tage Pause reichen nicht, um sie zu löschen.

Das erklärt, warum der Drang oft genau dann kommt, wenn du allein im Bett liegst oder nach einem langen Tag auf dem Sofa sitzt. Dein Kopf hat gelernt: Diese Situation gehört zu diesem Verhalten. Welche Situationen das bei dir sind, kannst du mit dem Artikel Trigger erkennen herausfinden.

Ersetzen statt nur weglassen

Wenn der Kontext die Gewohnheit auslöst, gibt es zwei Hebel:

  • Den Kontext verändern: Das Handy schläft außerhalb des Schlafzimmers, riskante Apps verschwinden vom Startbildschirm, der Laptop bleibt abends zu. Ohne Auslöser keine automatische Reaktion.
  • Eine neue Antwort einüben: Wenn der Auslöser trotzdem kommt, brauchst du etwas, das du stattdessen tust. Nur „nicht schauen“ hinterlässt eine Lücke, und Lücken füllt der Kopf gern mit dem Alten.

Eine gute Ersatzhandlung erfüllt ein ähnliches Bedürfnis wie das alte Verhalten. Wenn du aus Stress schaust, hilft eher etwas Beruhigendes: eine Atemübung, eine heiße Dusche, ein Spaziergang. Wenn du aus Langeweile schaust, eher etwas, das dich wirklich beschäftigt. Wenn du aus Einsamkeit schaust, eher eine Nachricht an einen Menschen.

So baust du die neue Gewohnheit auf

  • Klein anfangen: Neue Ess- und Trinkgewohnheiten wurden in der Studie von Lally schneller automatisch als Sport. Lieber fünf Liegestütze, die du wirklich machst, als eine Stunde Training, die du ausfallen lässt.
  • Fester Anker: Verknüpfe das neue Verhalten mit einer klaren Situation, zum Beispiel „Wenn ich nach Hause komme, dann gehe ich zuerst zehn Minuten raus.“
  • Wiederholen, nicht perfekt sein: Zähl, wie oft du es geschafft hast, nicht wie lange die Serie am Stück ist.
  • Geduld einplanen: Rechne eher mit Monaten als mit Wochen. Wenn es schneller geht, umso besser.

Was das für dich heißt

Wenn sich nach drei Wochen noch nicht alles leicht anfühlt, machst du nichts falsch. Du bist wahrscheinlich mitten im ganz normalen Prozess. Gewohnheiten wachsen langsam und vertragen Ausrutscher. Dopawise zählt deshalb neben deinen Tagen am Stück immer auch alle sauberen Tage seit dem Start, und die täglichen Quests sind bewusst klein gehalten, damit du sie oft genug wiederholst, bis sie von allein laufen.

Häufige Fragen

Wie lange dauert es, eine Gewohnheit zu ändern?

In der Studie von Lally und Kollegen (2010) dauerte es im Mittel 66 Tage, bis ein neues Verhalten automatisch lief. Die Spannweite reichte aber von 18 bis geschätzt 254 Tagen, je nach Person und Verhalten.

Stimmt die 21-Tage-Regel?

Für die 21 Tage gibt es keinen soliden wissenschaftlichen Beleg. Bei vielen Menschen dauert es deutlich länger, und das ist völlig normal.

Muss ich nach einem verpassten Tag neu anfangen?

Nein. In der Studie von Lally hat ein einzelner ausgelassener Tag den Aufbau der Gewohnheit kaum gestört. Wichtig ist, dass du am nächsten Tag weitermachst.

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Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Wenn du stark leidest oder Gedanken hast, dir etwas anzutun, wende dich an die Telefonseelsorge (0800 111 0 111, kostenlos, rund um die Uhr) oder an eine Ärztin oder einen Arzt.

Quellen

  1. Lally, P., van Jaarsveld, C. H. M., Potts, H. W. W., & Wardle, J. (2010). How are habits formed: Modelling habit formation in the real world. European Journal of Social Psychology, 40(6), 998–1009. doi.org/10.1002/ejsp.674
  2. Wood, W., & Neal, D. T. (2007). A new look at habits and the habit-goal interface. Psychological Review, 114(4), 843–863. doi.org/10.1037/0033-295X.114.4.843
  3. Marlatt, G. A., & Gordon, J. R. (Hrsg.) (1985). Relapse Prevention: Maintenance Strategies in the Treatment of Addictive Behaviors. New York: Guilford Press.