Pornos aufhören · 6 Min. Lesezeit

Drang widerstehen: Was in den nächsten zehn Minuten wirklich hilft

Der Drang ist da und wird lauter. Was du jetzt konkret tun kannst, von Urge Surfing über die 10-Minuten-Regel bis Bewegung, und was die Forschung dazu sagt.

Kurz gesagt
  • Ein Drang verläuft wie eine Welle: Er steigt, erreicht einen Gipfel und fällt wieder. Du musst ihn nicht wegmachen, nur nicht mitgehen.
  • Urge Surfing senkte in einer Studie mit rauchenden Studierenden den Konsum, obwohl das Verlangen selbst nicht schwächer wurde.
  • Schon kurze Bewegung senkte bei Rauchern das Verlangen. Liegestütze oder ein Gang vor die Tür sind ein guter erster Schritt.

Es ist spät, du liegst im Bett, und plötzlich ist er da: dieser Zug, der sich anfühlt, als würde er nie wieder weggehen, wenn du ihm nicht nachgibst. Genau dieses Gefühl ist der Trick. Ein Drang fühlt sich endlos an, ist es aber nicht.

Ein Drang ist eine Welle

Ein Drang baut sich auf, erreicht einen Höhepunkt und ebbt wieder ab. Das Problem ist, dass wir meistens auf dem Weg nach oben nachgeben, weil es sich in dem Moment so anfühlt, als würde es immer schlimmer. Wer einmal bewusst abwartet, merkt oft: Nach dem Gipfel wird es leiser, manchmal überraschend schnell.

Daraus folgt der wichtigste Gedanke dieses Artikels: Du musst den Drang nicht besiegen. Du musst ihn nur vorbeiziehen lassen.

Urge Surfing: beobachten statt kämpfen

Der Begriff stammt aus der Rückfallforschung. Beim „Urge Surfing“ kämpfst du nicht gegen den Drang und gibst ihm auch nicht nach. Du beobachtest ihn wie eine Welle, auf der du stehst. Sarah Bowen und G. Alan Marlatt (2009) haben das mit 123 rauchenden Studierenden getestet. Eine Gruppe bekam eine kurze Anleitung zum Urge Surfing, die andere nicht. Interessant ist das Ergebnis: Das Verlangen selbst wurde nicht schwächer, aber die Urge-Surfing-Gruppe rauchte in der Woche danach weniger.

Das ist eine wichtige Botschaft. Es geht nicht darum, nie wieder Lust zu spüren. Es geht darum, dass Lust und Handeln zwei verschiedene Dinge sind. Die Studie betraf Zigaretten, nicht Pornos. Das Prinzip lässt sich aber gut auf andere Gewohnheiten übertragen.

So geht Urge Surfing in der Praxis

  1. Benennen: Sag dir innerlich: „Da ist ein Drang.“ Nicht „ich will“, sondern „da ist etwas“.
  2. Im Körper suchen: Wo spürst du ihn? Brust, Bauch, Unruhe in den Händen? Beschreib es dir, so neutral wie möglich.
  3. Atmen: Langsam ein, noch langsamer aus. Atme in die Stelle, wo der Drang sitzt.
  4. Beobachten, wie er sich verändert: Wird er stärker, schwächer, wandert er? Du bist der Surfer, nicht die Welle.

Die 10-Minuten-Regel

Eine einfache Faustregel aus der Praxis, keine Studie: Du verbietest dir nichts, du verschiebst nur. „Ich darf, aber erst in zehn Minuten.“ In diesen zehn Minuten tust du etwas anderes, am besten weg vom Bildschirm. Das nimmt den Druck raus, weil du nicht gegen ein „nie wieder“ kämpfst, sondern nur gegen „jetzt sofort“. Und häufig ist die Welle nach zehn Minuten schon über den Gipfel.

Wichtig: Stell dir einen Wecker und verlass in der Zeit den Ort, an dem du warst. Wer im Bett liegen bleibt und aufs Handy starrt, wartet nicht, sondern verhandelt.

Bewegung: der schnellste Hebel

Eine systematische Übersicht von Taylor, Ussher und Faulkner (2007) zeigt, dass schon eine kurze Einheit Bewegung bei Rauchern das Verlangen und die Entzugssymptome senkte, teils für bis zu 50 Minuten. Wirksam waren bereits 15 Minuten lockere Bewegung oder fünf Minuten Muskelanspannung. Auch hier geht es um Zigaretten. Der Gedanke dahinter ist aber übertragbar: Wenn der Körper beschäftigt ist, verliert der Drang an Lautstärke.

  • 20 Liegestütze oder Kniebeugen, egal wie sauber
  • Einmal ums Haus gehen, auch nachts, auch im Schlafanzug mit Jacke drüber
  • Kaltes Wasser ins Gesicht
  • Treppen hoch und runter

Konkrete Schritte für genau jetzt

Wenn du diesen Artikel gerade liest, weil der Drang da ist, mach das hier, in dieser Reihenfolge:

  1. Handy weglegen, am besten in einen anderen Raum. Lies den Rest später.
  2. Aufstehen. Ortswechsel ist der halbe Weg.
  3. Eine Minute atmen: vier Sekunden ein, sechs Sekunden aus.
  4. Bewegen: Liegestütze, Kniebeugen, kurzer Gang.
  5. Dein Warum lesen. Warum willst du das eigentlich? Am besten steht es irgendwo aufgeschrieben.
  6. Zehn Minuten abwarten. Dann entscheidest du neu.

Hört der Drang irgendwann auf?

Die ehrliche Antwort: Er wird bei vielen seltener und leiser, aber er verschwindet nicht auf Knopfdruck und nicht für immer. In Erfahrungsberichten beschreiben viele, dass er nach einigen Wochen weniger oft kommt und dass sie ihn besser aushalten. Manchmal taucht er nach langer Ruhe plötzlich wieder auf, oft in Stress, Langeweile oder Müdigkeit. Das ist kein Zeichen, dass du versagt hast. Es heißt nur, dass dein Kopf eine alte Gewohnheit kennt. Jede Welle, die du vorbeiziehen lässt, macht die nächste ein Stück leichter.

Und wenn du doch nachgibst: Das ist kein Neustart bei null. Lies dazu unseren Artikel über den Rückfall. Mehr Strategien für den Alltag findest du in Mit Pornos aufhören: 7 Strategien.

Was das für dich heißt

Du brauchst keinen eisernen Willen, sondern einen Plan für die nächsten zehn Minuten. Entscheide jetzt, solange du klar bist, was du tust, wenn die nächste Welle kommt. Genau dafür gibt es in Dopawise den Knopf für den Drang: 60 Sekunden mit Atmung, deinem eigenen Warum und einer kleinen Ersatz-Aktion, gebaut für den Moment, in dem Lesen zu viel wäre.

Häufige Fragen

Hört der Drang irgendwann ganz auf?

Bei vielen wird er mit der Zeit seltener und leiser, ganz verschwinden muss er aber nicht. Entscheidend ist, dass du ihn aushalten kannst, ohne ihm zu folgen. Das wird mit jeder Welle leichter.

Was soll ich tun, wenn der Drang plötzlich da ist?

Handy weglegen, aufstehen, eine Minute langsam atmen und dich bewegen, zum Beispiel mit Liegestützen. Dann zehn Minuten abwarten und neu entscheiden. Meist ist die Welle bis dahin über ihren Gipfel.

Funktioniert Urge Surfing wirklich?

In einer Studie mit rauchenden Studierenden senkte eine kurze Anleitung zum Urge Surfing den Konsum, obwohl das Verlangen selbst gleich blieb. Für Pornos gibt es dazu noch keine eigene Studie, das Prinzip ist aber übertragbar.

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Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Wenn du stark leidest oder Gedanken hast, dir etwas anzutun, wende dich an die Telefonseelsorge (0800 111 0 111, kostenlos, rund um die Uhr) oder an eine Ärztin oder einen Arzt.

Quellen

  1. Bowen, S., & Marlatt, A. (2009). Surfing the urge: brief mindfulness-based intervention for college student smokers. Psychology of Addictive Behaviors, 23(4), 666–671. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20025372/
  2. Taylor, A. H., Ussher, M. H., & Faulkner, G. (2007). The acute effects of exercise on cigarette cravings, withdrawal symptoms, affect and smoking behaviour: a systematic review. Addiction, 102(4), 534–543. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17286639/