Masturbationssucht: Gibt es das, und woran merkst du, dass es zu viel ist?
Masturbationssucht: Gibt es das wirklich? Was die Forschung sagt, welche Anzeichen zählen, wie viele Menschen in Deutschland betroffen sind und wo du Hilfe findest.
- „Masturbationssucht“ ist keine offizielle Diagnose. Es gibt aber die Zwanghafte Sexualverhaltensstörung in der ICD-11.
- Entscheidend ist nicht, wie oft, sondern ob du die Kontrolle verlierst und darunter leidest.
- In einer großen deutschen Studie erfüllten etwa 3 Prozent der Männer im letzten Jahr diese Kriterien. Hilfe gibt es.
„Bin ich süchtig?“ Diese Frage stellen sich viele, die es sich oft machen. Manchmal nach einem Tag, an dem es drei- oder viermal passiert ist. Manchmal nach Jahren, in denen es sich immer mehr nach Pflicht als nach Lust angefühlt hat. Hier steht, was die Forschung dazu sagt, ohne Angstmache.
Gibt es Masturbationssucht?
Als eigene Diagnose nicht. Im Klassifikationssystem der WHO, der ICD-11, gibt es aber die Zwanghafte Sexualverhaltensstörung (Kraus u. a., 2018). Sie kann sich auf Masturbation beziehen, auf Pornos, auf Sex mit anderen oder auf mehreres davon.
Wichtig ist das Wort „zwanghaft“. Gemeint ist ein Muster über mindestens sechs Monate, bei dem jemand sexuelle Impulse wiederholt nicht steuern kann. Dazu kommen deutlicher Leidensdruck oder klare Folgen im Alltag.
Woran du merkst, dass es zu viel ist
Eine Zahl gibt es nicht. Die ISSM betont, dass es keine „normale“ Häufigkeit gibt. Diese Fragen sagen mehr aus:
- Hast du mehrmals ernsthaft versucht, es seltener zu machen, und es nicht geschafft?
- Machst du weiter, obwohl du merkst, dass es dir schadet, zum Beispiel beim Schlaf, bei der Arbeit oder in der Beziehung?
- Ist es zum wichtigsten Mittel geworden, um mit Stress, Frust oder Einsamkeit klarzukommen?
- Vernachlässigst du Dinge, die dir eigentlich wichtig sind?
- Bekommst du davon kaum noch etwas Schönes, machst aber trotzdem weiter?
Wenn du mehrere Fragen klar mit Ja beantwortest und das seit Monaten so geht, lohnt sich ein Gespräch mit einer Fachperson.
Wie viele Menschen betrifft das?
Für Deutschland gibt es gute Zahlen aus der GeSiD-Studie, einer repräsentativen Befragung von über 4.600 Erwachsenen. Briken und Kollegen (2022) fanden: Im Jahr vor der Befragung berichteten 3,2 Prozent der Männer und 1,8 Prozent der Frauen Erfahrungen, die zu den ICD-11-Kriterien passen. Viele mehr kannten einzelne Elemente davon, aber ohne Leidensdruck.
In den USA zeigten Dickenson und Kollegen (2018) mit einem anderen Fragebogen, dass rund 10 Prozent der Männer und 7 Prozent der Frauen deutlich darunter leiden, sexuelle Impulse schwer kontrollieren zu können. Du bist also nicht allein, und es ist auch nicht die Regel.
Viel ist nicht dasselbe wie zwanghaft
Manche machen es mehrmals täglich und haben damit kein Problem. Andere machen es viel seltener und leiden trotzdem sehr. Die Forschung zeigt, dass das Gefühl, „süchtig“ zu sein, oft stärker mit einem Konflikt zwischen eigenen Werten und dem eigenen Verhalten zusammenhängt als mit der Menge (Grubbs u. a., 2019). Auch Zimmer und Imhoff (2020) fanden, dass der Wunsch, auf Masturbation zu verzichten, vor allem mit der Überzeugung zusammenhing, sie sei ungesund, und kaum mit tatsächlich übermäßigem Verhalten.
Das heißt nicht, dass dein Gefühl falsch ist. Es heißt nur: Du kannst etwas ändern wollen, ohne dass du dir ein Etikett geben musst.
Oft geht es eigentlich um Pornos
Bei vielen hängt das Masturbieren fast immer an Pornos, und genau da wird es zäh: endlose Auswahl, „nur noch ein Video“, plötzlich ist es zwei Uhr nachts. Wenn das bei dir so ist, lohnt sich der Blick auf Pornosucht erkennen und auf den Selbsttest.
Was hilft
- Selbst anfangen: Situationen finden, Auslöser entschärfen, einen Plan für den Moment haben. Eine Anleitung steht unter Masturbieren abgewöhnen.
- Therapie: Bei zwanghaftem Verhalten gibt es wirksame Ansätze. Bei Pornos zum Beispiel zeigte eine Studie zur Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) einen deutlichen Rückgang (Crosby & Twohig, 2016).
- Beratung: Sexualberatungsstellen in Deutschland, Österreich und der Schweiz helfen vertraulich und oft kostenlos. Anlaufstellen findest du unter Hilfe finden.
- Auf die Psyche achten: In der deutschen Studie waren Betroffene häufiger wegen Depressionen oder anderer psychischer Probleme in Behandlung (Briken u. a., 2022). Wenn du dich länger niedergeschlagen fühlst, sprich das bei einer Ärztin oder einem Therapeuten an.
Was das für dich heißt
Ob „Sucht“ oder nicht, ist am Ende weniger wichtig als die Frage, ob du die Oberhand hast. Wenn nicht, kannst du sie zurückgewinnen, allein oder mit Hilfe. Dopawise unterstützt dich im Alltag, mit einer kurzen Pause im entscheidenden Moment und einem Zähler für deine cleanen Tage.
Häufige Fragen
Gibt es Masturbationssucht wirklich?
Als eigene Diagnose nicht. In der ICD-11 der WHO gibt es aber die Zwanghafte Sexualverhaltensstörung. Sie liegt vor, wenn jemand sexuelle Impulse über mindestens sechs Monate nicht steuern kann und darunter leidet oder Folgen im Alltag hat.
Ab wie oft am Tag ist man süchtig?
Das lässt sich nicht an einer Zahl festmachen. Entscheidend sind Kontrollverlust, Leidensdruck und Folgen im Alltag. Manche machen es täglich ohne Probleme, andere seltener und leiden trotzdem.
Wie viele Menschen sind betroffen?
In einer repräsentativen deutschen Studie erfüllten etwa 3 Prozent der Männer und knapp 2 Prozent der Frauen im letzten Jahr die Kriterien der Zwanghaften Sexualverhaltensstörung.
Wo bekomme ich Hilfe?
Erste Anlaufstellen sind Hausärztinnen, Psychotherapeuten und Sexualberatungsstellen. In Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es vertrauliche und oft kostenlose Angebote.
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Quellen
- Kraus, S. W. u. a. (2018). Compulsive sexual behaviour disorder in the ICD-11. World Psychiatry, 17(1), 109–110. doi.org/10.1002/wps.20499
- International Society for Sexual Medicine (ISSM): What is the „normal“ frequency of masturbation? www.issm.info/sexual-health-qa/what-is-the-normal-frequency-of-masturbation
- Briken, P., Wiessner, C., Štulhofer, A., Klein, V. u. a. (2022). Who feels affected by „out of control“ sexual behavior? Prevalence and correlates of indicators for ICD-11 Compulsive Sexual Behavior Disorder in the German Health and Sexuality Survey (GeSiD). Journal of Behavioral Addictions, 11(3), 900–911. doi.org/10.1556/2006.2022.00060
- Dickenson, J. A., Gleason, N., Coleman, E., & Miner, M. H. (2018). Prevalence of Distress Associated With Difficulty Controlling Sexual Urges, Feelings, and Behaviors in the United States. JAMA Network Open, 1(7), e184468. doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2018.4468
- Grubbs, J. B., Perry, S. L., Wilt, J. A., & Reid, R. C. (2019). Pornography Problems Due to Moral Incongruence: An Integrative Model with a Systematic Review and Meta-Analysis. Archives of Sexual Behavior, 48(2), 397–415. doi.org/10.1007/s10508-018-1248-x
- Zimmer, F., & Imhoff, R. (2020). Abstinence from Masturbation and Hypersexuality. Archives of Sexual Behavior, 49(4), 1333–1343. doi.org/10.1007/s10508-019-01623-8
- Crosby, J. M., & Twohig, M. P. (2016). Acceptance and Commitment Therapy for Problematic Internet Pornography Use: A Randomized Trial. Behavior Therapy, 47(3), 355–366. doi.org/10.1016/j.beth.2016.02.001